Nachruf MMag. Wolfgang Götzinger (1944 – 2015)

Es gibt nicht viele Restauratoren, die auch als Künstler Bleibendes geschaffen haben. Zu Ihnen zählt Wolfgang Götzinger, der trotz langer Krankheit bis zuletzt in beiden Bereichen aktiv war. Im Mai ist er in Schwaz in Tirol, dem Wohn- und Wirkungsort seiner letzten Jahrzehnte, gestorben. Sein Großvater Hans war Aquarellist und Vedutenmaler in Wien und NÖ., der Vater Otto lebte als Maler und Restaurator (Fassadenmalerei und Sgraffitos) in Steyr, OÖ. Wolfgang Götzinger begann nach der Matura an der Akademie der bildenden Künste in Wien mit dem Malereistudium bei Prof. Andersen, bevor er in die Restaurierklasse unter Prof. Kortan wechselte. Dieses schloss er 1969 mit einer Diplomarbeit über die romanischen Wandmalereien in der Stiftskirche von Lambach, OÖ, ab und erhielt anschließend ein Rom-Stipendium. Daneben arbeitete er auch schon bei Restaurierprojekten seines Vaters mit und 1965 bei der Entdeckung neuer Fresken in der ehemaligen Westkrypta in Lambach, OÖ, die wegen ihrer baulich gefährdeten Lage abgenommen und übertragen werden mussten. Als akademischer Restaurator studierte er 1970-1973 noch Bildhauerei bei Prof. Avramidis und war anschließend auch dessen Assistent an der Akademie. Legendär wurde das von ihm damals mit Kollegen als griechische Tragödie in einem Weingarten bei Mistelbach mit überdimensionierten Silikonmasken aufgeführte „Wotruba-Nachfolge-Spiel“. Sein bildhauerisches Werk ist schmal aber intensiv, seine Auftragswerke sind auf Wien, Tirol und Südtirol verstreut. Götzingers Skulpturen und Objekte betreffen vor allem Einzelfiguren in Stein und Bronze, Brunnenplastiken und Objekte („Gefährte und Wagnisse“) sowie Kleinplastiken, oft aus Materialkombinationen von Metall, Holz und Kunststoff. Sie sprechen vielschichtige Hintergründe an und sind von perfekter Formgebung und ebensolcher Technik gepaart mit hoher Materialästhetik gekennzeichnet. Dies zeigten in Wien 1983 eine Einzelausstellung und 1990 eine Gruppenausstellung in der Bawag-Foundation. Dazu kamen mehrfach Ausstellungen (auch von Gemälden) vor allem in Wien und Tirol (Schwaz, Rabalderhaus 1997 und 2008, mit von ihm selbst gestalteten Katalogen).
Wolfgang Götzingers Leistungen als freiberuflicher Restaurator, besonders von Wandmalereien, konzentrierten sich auf Tirol, wo ihm Schwaz zur zweiten Heimat wurde. In den Sommern 1970/71 konservierte er die romanischen und gotischen Fresken von St. Magdalena bei Gschnitz in Tirol, einer der höchstgelegenen Kirchen Österreichs. 1974/75 war er an den spätgotischen Fassaden und den frühbarocken Ölwandmalereien in der Pfarrkirche von Prutz bei Landeck tätig und stellte später auch an der Pfarrkirche im nahen Pfons die spätgotische Architekturmalerei der Fassaden wieder her. In den Sommern von 1976/77 entdeckte und konservierte er die um 1330 datierbaren Wandbilder in der Johanneskapelle von Prutz, die damit vor dem Abriss bewahrt werden konnte. In der Innsbrucker Altstadt wurde ihm 1981 die Renaissance-Fassadenmalerei des Trautsonhauses übertragen, bei dem – in Zusammenarbeit mit Labor und Werkstätten des Bundesdenkmalamtes - für Österreich erstmals in diesem Rahmen die frühere Dispersionsfixierung durch Acryllösung (Paraloid B72) ersetzt wurde (die bei der Überprüfung 2005 noch weitgehend wirksam war). 1984 legte er die spätgotische Architekturbemalung der Fassade in der Salvatorgasse 3 von Hall in Tirol frei und restaurierte den ergänzungsfähigen Fehlbestand. Sein Hauptwerk als Restaurator wurde jedoch die um 1520 entstandene Ausmalung des Kreuzganges im Franziskanerkloster von Schwaz, dem wohl größten Wandmalereizyklus dieser Zeit nördlich der Alpen mit einer bewegten Restauriergeschichte. Diese Arbeit beschäftigte ihn nicht weniger als 17 Jahre (1980-1997), mit durch seine künstlerische Arbeit, aber auch schon krankheitsbedingten Unterbrechungen. Neben den Problemen der konservatorischen Stabilisierung hat er sich dort intensiv mit der ästhetischen Präsentation durch Aquarellretuschen auseinandergesetzt, um die unregelmäßigen Reste der ursprünglich bunten Sekkomalerei über der freskalen Pinselunterzeichnung wieder in einen lesbaren Zusammenhang zu bringen.
In den ihm verbleibenden Folgejahren widmete er sich neben künstlerischen Aufgaben weiterhin kleineren Wandbild-, aber auch Gemälderestaurierungen. Eine vom Stadtmuseum im Rabalderhaus in Schwaz schon seit dem Vorjahr geplante Ausstellung wird nun ungewollt zu einer teilweisen Retrospektive auf ein komplexes Lebenswerk und seine Wurzeln: „Die Künstlerfamilie Götzinger“ (Rabalderhaus Schwaz, 11. 9. bis 26. 9. 2015 – siehe www.rabalderhaus-schwaz.at).          

Manfred Koller

Nachruf auf Akad. Rest. Stefanie Flinsch †

Am 28. September 2014 verstarb im 69. Lebensjahr die Gemälderestauratorin Stefanie Flinsch nach schwerer Krankheit im Hospiz zu Salzburg. Sie starb in der Stadt, für die sie von Mai 1997 bis zur Pensionierung Ende 2011 knapp fünfzehn Jahre tätig gewesen war als Chefrestauratorin des Salzburger Museum Carolino Augusteum (heute Salzburg Museum). Gewohnt aber hat sie - wie sie gelegentlich äußerte, mit Vorsatz - immer auf der bayerischen Seite der nahen Grenze. Wer sie kannte, wußte bald, daß ihr die ebenso virtuos wie charmant geübte Kunst des ironischen Abstandhaltens ein vitales Bedürfnis war.

Von solcher Haltung ist das berufliche Ethos, auf dessen Fundament Stefanie Flinsch ihre praktischen Aufgaben mit eindrucksvollen Ergebnissen zu bemeistern wußte, nicht getrennt zu denken. Diskretion als Sinn für Unterscheidung war ihr auch Arbeitstugend: Restaurieren heißt, eingetretene Schäden nicht leugnen, sie gleichwohl schonend begrenzen und das Unvermeidliche zeitlichen Verderbens möglichst verlangsamen; es heißt aber auch, der kurrenten Verführung intelligent zu widerstehen, das Fremdgewordene einer versunkenen Kultur zum ästhetischen Vehikel der Gegenwart frei umzudeuten; es berührt philosophische Fragen. Wer als Mitarbeiter im Museum Stefanie Flinsch beobachten durfte beim geduldigen 'Einsehen' in ein Schadensbild, und mit wem sie das Gespräch darüber aufnahm, der konnte einiges lernen über den Zusammenhang von physischem und hermeneutischem Tradieren von Kulturgut. Vor allem dies, daß das eine ohne das andere nicht zu haben ist.

Die Neigung, dem Erhalt der Kunst zu dienen, mag Stefanie Flinsch im Blut gelegen haben; bereits die Mutter Annemarie Flinsch, Gründungsmitglied und später Ehrenmitglied des Deutschen Restauratorenverbandes, hatte als Restauratorin in Frankfurt gearbeitet. Stefanie Flinsch liebte das Theater, entschied sich jedoch für das Hochschulstudium im Institut für Technologie der Malerei an der Staatlichen Akademie der Bildenden Künste Stuttgart, das sie als Schülerin von Prof. Rolf E. Straub 1973 noch als "akademischer Restaurator" abschloß; der Diplomstudiengang wurde erst ein Jahr später eingeführt. Zwischenzeitlich absolvierte Stefanie Flinsch 1970/71 ein dreimonatiges Gastpraktikum bei Dr. Thomas Brachert im Schweizerischen Institut für Kunstwissenschaften in Zürich.

Es folgten viele Berufsjahre in Oldenburg, wo Stefanie Flinsch 1973 bis 1989 die Werkstattleitung im Landesmuseum für Kunst und Kulturgeschichte innehatte. Der Wechsel 1989 nach Wuppertal an das Von der Heydt-Museum geriet zum Intermezzo, da sich nach einem Jahr die Möglichkeit bot, am Saarlandmuseum in Saarbrücken (wo erstmals eine feste Restauratorenstelle eingerichtet worden war) die Werkstatt nach eigenen Vorstellungen aufzubauen und einzurichten. Mit sanfter Unnachgiebigkeit und viel diplomatischem Geschick erreichte sie den Aufbau eines mustergültigen Ateliers, das ihr (und später ihrer Nachfolgerin) die technische Voraussetzung bot für eine vorbildliche Sammlungspflege. Als sie 1997 nach Salzburg ging, hinterließ sie in Saarbrücken nicht nur ein gepflegtes Haus mit gut organisierter Werkstatt, sondern auch eine spürbar gestiegene Achtung gegenüber der fachlichen Leistung und begründeten Argumentationsstärke von Restauratoren im Museum; wer sie als Kunstwissenschaftler auf Augenhöhe wahrnahm, konnte nur gewinnen. Diese Achtung ist keine Selbstverständlichkeit; ihr Fehlen manifestiert sich bereits in dem Umstand, daß das Berufsbild des Restaurators bis heute nicht geschützt ist - ein Desiderat, das im Blick auf die praktischen Folgen durch unberufenes Handeln an unwiederbringlichem Kulturgut skandalös genannt werden muß. Stefanie Flinsch hat sich gegen diesen Mißstand deutlich ausgesprochen. Solche Kritik blieb indessen nicht aufs Verbale beschränkt, vielmehr fand sie ihre positive Deckung im praktischen Aufweis einer konservatorischen Umsicht und sachkundigen Verantwortlichkeit, die ihren Maßstab im Respekt vor der Unersetzlichkeit des unserer Fürsorge anvertrauten Kulturguts besitzt. Die bei ihr ausgebildeten Praktikanten lernten immer beides, nämlich technisch-handwerkliches Können und die zur Gewinnung der Maßstäbe gehörende Moral.

In Salzburg erwarteten die neue Chefrestauratorin fachlich und strategisch höchste Anforderungen. In einer aufgrund langjähriger Besonderheiten entstandenen, deplorablen Situation der über fünf Häuser verteilten Sammlungen mußten auch dort konservatorisch-restauratorische Standards erst wieder eingeführt und zur Selbstverständlichkeit entwickelt werden. Flinschs Begabung zur Ironie, eine Geduld von langem Atem und viel Humor halfen über manche Hürden des Einstiegs hinweg. Die Fähigkeit und Bereitschaft, mit verständigen Mitarbeitern lieber einmal tüchtig zu lachen, statt - wie berechtigt auch immer - empört zu sein, erwies sich als lebenstechnisch hilfreich. Denn die Anforderung des Pensums war enorm - schon unter dem Aspekt des schieren Umfangs. In Vorbereitung der Übersiedlung der gesamten Sammlung des bisherigen Haupthauses in die Neue Residenz erfolgte 2000/01 der Umzug in ein neues Zentraldepot; die Kunstgutverlagerung mitsamt der Einrichtung neuer Restaurierungswerkstätten wollte baulich, klimatechnisch, funktional durchgeplant, organisiert und schadensfrei bewältigt sein, ohne den laufenden Ausstellungsbetrieb auch der Zweigstellen aus den Augen zu verlieren. Ab 2003 bis zur Eröffnung der heutigen Ausstellungsräume in der Neuen Residenz 2007 erfolgte die konservatorisch-restauratorische Konzeptentwicklung und fachliche Begleitung des Umbaus der historischen Räume des um 1600 errichteten Baudenkmals, wodurch der Stadtpalast eine neue Funktion übernehmen konnte als spartenübergreifendes Museum von Stadt und Land Salzburg auf der Grundlage international wettbewerbsfähiger technisch-musealer Standards.

Parallel dazu hatte bis zur Eröffnung des Panorama-Museums 2005 die Dislozierung, Restaurierung und Neuaufstellung des Salzburg-Panoramas von Johann Michael Sattler zu erfolgen, das mit ca. 26 m Umfang und einer Gesamtfläche von ca. 130 m2 in Zusammenarbeit mit zwei Wiener Ateliers vom Mönchsberg in die Neue Residenz umgesiedelt wurde. Dafür mußte ein völlig neues Hängesystem technisch entwickelt werden. Ebenfalls mit Blick auf das alle Kräfte bindende Anliegen der Wiedereröffnung hat Stefanie Flinsch auch die systematische Konservierung und Restaurierung der über 130 Bilder zählenden "Kosmoramen" Hubert Sattlers eingeleitet, konzipiert und vorangetrieben. Hinzu kamen langwierige Projekte, etwa zur Konservierung der Graphischen und der Volkskundlichen Sammlung. Viele Fachrestauratoren und Praktikanten haben unter Flinschs umsichtig koordinierender Leitung geholfen, die sich häufenden Großprojekte ins Werk zu setzen und zu gutem Abschluß zu bringen. Daß diese Aufgaben mit Spürsinn, Kompetenz und Takt in die richtigen Hände gekommen sind, war eine Meisterleistung eigener Art, deren Vorbildlichkeit auch kommende Generationen zu Dank verpflichtet. 2011 wurde mit der Restaurierung und dem aufwändigen Transport des Salzburger Riesenformats "Der Frühling" von Hans Makart zur großen Makart-Ausstellung in Wien ein letzter Markstein der facettenreichen Arbeitsbiographie Stefanie Flinschs gesetzt.

Das praktische und pädagogische Wirken dieser ebenso begabten wie mit ganzer Kraft für ihre Sache lebenden Restauratorin hat in mancher Beziehung Spuren hinterlassen und Wege gebahnt für die Späteren. Sie zählt zu den markanten Persönlichkeiten ihrer Generation, die das gestiegene Ansehen ihres vom akademischen Kunst- und Museumsbetrieb allzulange ignorierten oder als nachrangig behandelten Berufsstandes mit erkämpft, befestigt, befördert und verstetigt haben. Daß kein Zeichen öffentlicher Anerkennung ihr Ausscheiden aus dem Dienst begleitet hat, verdeutlicht umso mehr die Notwendigkeit einer Bewußtseinsbildung, die stets integraler Bestandteil ihrer Leistung gewesen war; einer Leistung, die auch deshalb integral zu nennen ist, weil Leben und Arbeit in ihr nicht auseinanderfielen.

"Ich habe jetzt so viel Zeit", freute sie sich, als die Zeit der Pensionierung gekommen war. Sie war über die vorgeschriebene Frist hinaus im Salzburg Museum beschäftigt gewesen. "Alle meine Schützlinge sind nun untergebracht, da bin ich glücklich und jetzt fahren wir zusammen nach Bregenz zur 'Königin der Nacht'" - doch zu diesem einer tüchtigen Praktikantin gerne spendierten Genuß reichte ihr selber, die das Theater als Kunstform stets geliebt und in gewisser Weise auch die commedia dell'arte am Museum als veritables Theater empfunden und mitgelebt hatte, die Kraft nicht mehr. "Je n'ai rien négligé" hatte einst Nicolas Poussin über seine Lebensarbeit gesagt. Stefanie Flinsch wollte nichts vernachlässigt sehen - im Beruf wie im persönlichen Leben. Nicht lange bevor ihr Leben zu Ende ging, hat sie es durch ihren Eintritt in die ev. Kirche in eine letzte Verantwortung gestellt. Requiescat in pace!
 

Dipl. Rest. Heidi Weinbeck / Dr. Wolfram Morath-Vogel

 


         

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